social.

Aktuell auf Facebook

15.09.2016

Gedanken zur ersten Lesung vom nächsten Sonntag (Amos 8, 4-7) Eine neue Messlatte Was ich schon im letzten Jahr gefürchtet habe, ist nun eingetreten: Kindergeburtstage im Kindergartenalter. Gehört habe ich von Geschenken für die Gäste am Schluss, von reservierten Geschenken in Läden, von Ponyreiten, Indoorspielplätzen, MacDonald‘s-Geburtstagen, vom EBM-Solarmobil … Nun mache ich mir Gedanken, wie wir also den gefühlsmässig in Riesenschritten nahenden Geburtstag meiner Tochter begehen sollen. Was mache ich mit und wo ziehe ich meine Grenzen? Nein, eine rosarote Eiskönigintorte geht gar nicht, auch keine Pippitorte aus der Konditorei. Ich denke, Schoggikuchen mit Smarties ist völlig in Ordnung und einfach auch essbar. Nein, wir fahren nirgends hin. Ja, wir spielen. Ja, eine Schatzsuche im Wald, auch bei Regen. Mit einer tollen Schatzkiste, die ich kürzlich zufällig für zwei Franken auf dem Flohmarkt gefunden habe. Ich fühlte mich anfangs sehr unter Druck, genau alles mitzumachen, damit meine Tochter ja keine Nachteile hat. Was denken sonst die anderen Mütter über mich? «Die arbeitet ja sowieso schon zu viel.» Über uns? «Die können sich das nicht leisten.» Ich merke aber immer mehr: Es ist meine bewusste Entscheidung, diesen Geburtstag so zu gestalten, wie ich es sinnvoll finde – und wie es hoffentlich auch meiner Tochter gefällt. Es ist für mich keine Entscheidung des Geldes, sondern eine Entscheidung, wie ich unser Leben gestalten möchte und was ich meiner Tochter grundsätzlich mitgeben möchte. Ich bekomme aber Krämpfe, wenn ich daran denke, dass Familien, die finanziell sehr gut schauen müssen, wie sie über die Runden kommen, sich unter Druck fühlen, an den Geburtstagen der Kinder quasi das ganze Programm wie zum Beispiel Ponyreiten bieten zu müssen. Aus Angst oder Sorge, dass die Kinder sonst ausgeschlossen oder diskriminiert werden. Das monatliche Geld fürs Essen fehlt dann zum Beispiel. Was das heisst, können wir uns gut vorstellen, oder? Es empört mich! Es tut mir schon weh zu hören, dass man bedauern muss, wenn der Sohn in den Chindsgi kommt. Also, fertig mit der weichgespülten «Cüpliwellness» und der «Alles-ist-zuckerhaft-wunderbar-Haltung». Sprechen wir mal Klartext, so wie der Bauer Amos vor ca. 2800 Jahren Klartext gesprochen hat. Die, die schon genug haben, bereichern sich noch mehr, auf Kosten der Armen und der Schwachen. Die müssen zum Beispiel für Hungerlöhne und unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten, weil sie keine anderen Möglichkeiten haben. Die Welt der Menschen in der Sozialhilfe ist sehr oft eine verschämte Welt mit vielen Sorgen, Zermürbung, Chancenlosigkeit. Oft ist diese Welt in einem Paralleluniversum: Es gibt wenig Kontakte miteinander. Selten kennen wir Armutsbetroffene als Nachbarn, schon gar nicht gehören sie in unseren Freundeskreis. Ich mag jetzt keine Predigt über Solidarität halten. Ich mag da einfach nicht mitmachen. Lieber zahle ich mehr für ein faires Kleidungsstück, kaufe dafür seltener was ein. Was vor 2800 Jahren schon ein No-Go war, ist es heute immer noch. Wie könnte ich abends in den Spiegel schauen, wenn ich weiss, dass meinetwegen, wegen meiner Gier und Selbstsucht andere dafür zu kurz kommen? Das geht nicht. Eine andere Mutter hat mir gesagt, man wäre mir wohl dankbar, wenn ich eine neue Messlatte im Kindergeburtstagsrummel setzen würde. Das könnte etwas den Druck nehmen und vielleicht auch im Kleinen was verändern. Ich glaube, genau das mache ich. Sarah Biotti